JEANNE MOREAU: "Ich habe mich leidenschaftlich ins Leben gestürzt"

February 13, 2019

Jeanne Moreau war die Grande Dame des französischen Films. Unser Autor hat sie 2006 getroffen. Und was sie über Leben und Sterben zu sagen hatte, war Ehrfurcht gebietend.

 

    Von Interview von Alexander Gorkow

    Jeanne Moreau, französische Filmlegende und Ikone der Nouvelle Vague ist tot. Sie starb im Alter von 89 Jahren in ihrer Wohnung in Paris. Moreau wurde 1928geboren und galt wahlweise als Muse oder Racheengel der Nouvelle Vague. Sie drehte - unter anderem - mit Orson Welles, Luis Bunuel, Peter Brook, Jean-Luc Godard, Elia Kazan, Michelangelo Antonioni, François Truffaut und Louis Malle. Dabei entstanden prägende Werke der Filmgeschichte, wie "Fahrstuhl zum Schafott", "Jules et Jim" und "Die Nacht". Unser Autor führte dieses Interview im April 2006. 

     

    SZ: Madame Moreau ...

    Jeanne Moreau: ... die Tür zum Nebenzimmer ist offen. Im Nebenzimmer habe ich eben geraucht. Nun wird gelüftet. Es ist kalt.

     

    Soll ich die Tür schließen?

    Es gibt zwei Türen ins Nebenzimmer! Sie schließen die dort drüben, ich schließe die andere. Und anschließend rauchen wir dieses Zimmer hier voll, wir beide.

     

    Man meinte es gut mit Ihnen, deshalb hat man gelüftet, glaube ich.

    Man meint es gut mit mir und riskiert meinen Tod. Ich rauche, seit ich denken kann. Und jetzt sterbe ich an einer Lungenentzündung, weil gelüftet wird. Ich meine, es ist ein schöner Tag ... aber noch haben wir ja nicht Sommer.

     

    Madame Moreau, in François Ozons neuem Film spielen Sie eine Großmutter mit einem todkranken Enkel. Der Enkel erzählt nur Ihnen von seiner Krankheit. Mit der Begründung, dass auch Sie nicht mehr lange zu leben hätten ...

    ... eine bemerkenswerte Szene ...

     

    ... sie trifft den Zuschauer nur doppelt: Man sieht da nicht nur eine Großmutter in einem Film. Man sieht eben auch Jeanne Moreau. Vielleicht eine etwas unprofessionelle Sichtweise von mir.

    Und worauf wollen Sie hinaus?

     

    Mich hat es getroffen, dass jemand zu Ihnen sagt, Sie hätten nicht mehr lange zu leben. Und sei es im Film.

    Hören Sie: Ich bin nicht sentimental. Eine außergewöhnlich starke Szene.

     

    Warum genau?

    Der Enkel stirbt, dabei ist er nur 30 Jahre jung. Ich sterbe auch, aber ich bin immerhin alt. Und doch keine typische Großmutter. Sehe ich aus wie die typische Großmutter? Sagen Sie!

     

    Um Himmels willen: Nein!

    Natürlich sehe ich nicht aus wie die typische Großmutter! In "Die Zeit, die bleibt" geht es um den Tod. Und darum, dass Leute immer sterben können - oft nicht erst, wenn sie alt sind. Die jungen Leute sterben heute zum Beispiel an Aids, nachdem sie lange krank waren. Wunderbare Freunde von mir sind an Aids gestorben. Andererseits können wir sehr alt werden und dann sterben, ohne vorher krank gewesen zu sein. Der junge Mann in dem Film verzichtet auf eine Chemotherapie und lebt in der Zeit, die ihm bleibt, sagen wir: wie ein Gesunder. Er beschäftigt sich weniger mit seinem nahenden Tod - sondern zum ersten Mal wahrhaftig mit seinem Leben.

     

    Darf ich sagen, dass in Ihrem Gesicht schon in den frühen Filmen eine Art Todesahnung immer ablesbar war?

    Sie dürfen alles sagen, mein Lieber.

     

    Aber?

    Aber es sind nur Interpretationen.

     

    Haben Sie sich damals schon bewusst mit dem Tod beschäftigt? Als junge Frau?

    Nein, nicht obsessiv. Ich denke auch heute nicht an den Tod, oder sagen wir: nicht oft. Wenn Sie älter werden, denken Sie etwas öfter an den Tod als früher. Ich sage Ihnen, warum: Sie verlieren Freunde. Louis Malle lebt nicht mehr, Orson Welles lebt nicht mehr, Tennessee Williams lebt nicht mehr, François Truffaut lebt nicht mehr - und viele andere Menschen, die ich sehr geliebt habe, sie leben auch nicht mehr.

     

    Wie geht man damit um?

    Wie man damit umgeht, weiß ich nicht. Aber ich? Ich nehme es zur Kenntnis. Und ich muss diesen Menschen dankbar sein. Ich vertraute mich ihnen an und wurde belohnt. Sie haben mir mein Leben ermöglicht. Sie wissen, was man sieht, wenn ein Baum gefällt wurde?

     

    Die Jahresringe?

    Exakt. An denen können Sie alles ablesen. Sogar Biografisches. Diese Menschen, sie sind meine Ringe. Ich bin gemacht aus diesen Menschen. Ich meine das nicht pathetisch. Es ist einfach so. Ich habe immer noch ihre Telefonnummern. Das ist überaus sonderbar, nicht wahr? Aber ich würde sie nie wegwerfen. Ich befasse mich also mit dem Tod, weil die Umstände es mitunter erfordern. Aber Sie sollten nicht annehmen, dass ich todessüchtig bin - oder gewesen bin. Lassen Sie es mich mal, da Sie dem Thema so viel Gewicht beimessen ...

     

    ... es geht in dem Film von François Ozon sehr deutlich um den Tod ...

    ... natürlich, lassen Sie es mich so sagen: Ich habe mit dem Tod früh Bekanntschaft gemacht - und mich dann leidenschaftlich ins Leben gestürzt. Mit allem, was dazu gehört, mit allem, okay?

     

    Was waren das für Bekanntschaften?

    Als ich ein Kind war, es war die Zeit der Okkupation, da war ich mit meiner Mutter auf der Flucht. Wir gerieten unter Beschuss. Meine Mutter warf mich in einen Graben am Wegrand. Ich erinnere mich, wie ich fiel, ich sehe diese Bilder noch klar: Ich falle. Menschen fallen über mich. Wir liegen im Graben. Ich spüre mit einem Mal etwas Warmes an meinem Hals, an meiner Schulter, es läuft und läuft, dieses Warme. Ich liege unter diesen Menschen, und ich denke, jemand hat dich bepinkelt, aus Angst, es muss Urin sein, verstehen Sie, aber es war ...

     

    Blut?

    Ja, es war Blut. Ich stand anschließend über und über mit Blut beschmiert auf dem Weg. Ich sehe noch die Gesichter der Menschen, die mich anschreien, entsetzt, sie denken, ich sei verletzt, meine Mutter, die anderen, eine einzige Apokalypse. Dabei hatte es mich nicht erwischt. Den Mann, der auf mir gelegen hatte, den hatte es erwischt. Es war sein Blut.

     

    Ein Trauma?

    Ein großes Wort. Ich muss überlegen. Nein, kein Trauma. Ein Erlebnis.

    Der zentrale Punkt im Film von Ozon: Menschen, die in ständiger Gefahr des Todes leben, leben anders als solche, die das Thema eher verdrängen können. 

     

    Wie leben die mit der Todesahnung?

    Nun, wie man so sagt: bewusster? Sie treffen Entscheidungen, nutzen die Zeit, oft sind doch ausgerechnet diese Menschen sogar fröhlicher ...

    ... sie stürzen sich ins Leben, ja, das stimmt, Sie haben Recht ...

     

    ... ist das nicht absurd? Dass man wissen muss, dass es jeden Moment vorbei sein kann, um die Angst davor und sogar sein Leben besser in den Griff zu bekommen?

    Ich möchte Ihnen etwas erzählen: Ich war 30 ... nein, es war das Jahr 1960, ich war also 32 Jahre alt, als bei mir Krebs diagnostiziert wurde ...

     

    Darüber habe ich nirgendwo gelesen.

    Warum auch? Ich erzähle es Ihnen nun, weil wir über dieses Thema sprechen, und wieso sollten wir auch nicht drüber sprechen. Wenn Sie also 32 Jahre alt sind, sehr begehrt, wenn Sie mit den besten Regisseuren der Welt arbeiten, dann empfinden Sie eine solche Krankheit als einen großen Schlag - okay?

     

    Und?

    Und? Ich habe den Krebs überwunden. Ich habe ihn bekämpft und überwunden. Und wissen Sie, es gibt diese Phrase, dass jeder Tag danach ein Geschenk sein soll. Aber was soll ich sagen? Jeder Tag ist seitdem ein Geschenk. Jeder. Ich bin in zwei Jahren 80 Jahre alt, ich drehe seit bald 60 Jahren Filme: Ich soll Angst vor dem Tod haben? Nein, mein Lieber! Der Tod, er macht mir keine Angst mehr.

     

    Was macht Ihnen Angst?

    Nun, manchmal das geliebte Leben? Mag sein. Aber nicht mehr der Tod.

     

    Täusche ich mich, oder sind Sie eine starke Frau, Madame Moreau?

    Unsinn! Wie kommen Sie dazu, so etwas zu behaupten? Pardon!

     

    ... nun, wie Sie ...

    ... hören Sie: Wir haben 45 Minuten, wir beide, das ist nicht viel Zeit. Doch reden wir über ein großes Thema, nicht wahr?

     

    ... es ist das Thema des Films ...

    ... ich mache Ihnen keinen Vorwurf. Aber jetzt sagen Sie, ich sei eine starke Frau! Das sagen Sie, weil wir jetzt gerade hier sitzen und ich Ihnen in der Kürze der Zeit klargemacht habe, wie ich über den Tod denke. Aber es ist nur eine Momentaufnahme. Wir haben 2006 - nicht 1960! Sie sitzen einer Frau gegenüber, die zu dem erst werden musste, was sie ist. Bin ich immer stark? War ich immer stark? Immer fröhlich? Nein. Als leidenschaftlicher Mensch ist das so eine Sache mit der Fröhlichkeit. Wenn wir fröhlich sind, sind wir es mit großem Elan - wenn wir traurig sind, sind wir es auch mit großem Elan. So bin ich. Gott sei Dank. Kann man gar nichts machen.

     

    Wären Sie gerne ein kontrollierterer Mensch? Mit einer gewissen Schutzhaut? Oh, kennen Sie solche Leute?

    Den einen oder anderen, natürlich.

     

    Und?

    Und? Sind die nicht furchtbar? Die kontrollierten Menschen? Mit ihrer sensationellen Schutzhaut? Nein, ich kann nicht im Namen dieser Menschen sprechen, verstehen Sie? Sie interessieren mich nicht. Dies sind Menschen, die nicht wirklich lieben können. Ich habe deshalb immer einen großen Bogen um die Kontrollierten gemacht! Mein Gott!

     

    War das ...

    Das war nicht, sondern das ist: Intuition! Ich habe seit jeher eine sehr, sehr gut ausgebildete Intuition.

    Ist man unkontrolliert, ist man aber auch verletzbarer, nicht wahr?

    Das mag sein. Und gab es da die totale Finsternis? Ja, allerdings. Mir fehlen die Worte für diese Finsternis. Viele Tage in verriegelten und dunklen Zimmern? Nächte gewalttätiger Traurigkeit? Ja und nochmal ja. Ich meine: Bonjour! Was glauben Sie, ich bin eine Künstlerin und soll das nicht kennen?

    Auch Lehrer oder Polizisten haben ein Recht darauf, nein?

    Na eben. Auch die. Wieso ich nicht?

     

    Lassen Sie mich raten: Selbstzweifel waren es nicht, die Sie traurig machten.

    Wann sind wir so traurig, dass die Vorhänge zubleiben? Es ist der Verlust eines geliebten Menschen. Und ich rede hier nicht nur vom Verlust durch Tod.

     

    Bei wem ...

    Nein ... mehr nicht dazu.

     

    Was war der Motor, um da jeweils wieder "rauszukommen? Es gibt die Theorie, dass entweder der Tod oder die Liebe unser Leben antreiben.

    Beides falsch. Die Neugier treibt unser Leben an. Es ist die Neugier! Seit Adam und Eva und der verbotenen Frucht. Die Neugier hat mich aus jeder Depression wieder befreit. Die Traurigkeit verging oft nur langsam. Aber schon vorher war meist die Neugier zurück. Sie ist ein lustiger kleiner Vorbote! Man lugt wieder in die Welt hinaus, verstehen Sie?

     

    Neugier auf was?

    Na, auf Menschen! Ich hatte immer Hunger darauf, mich mit leidenschaftlichen und kreativen Menschen zu umgeben. Menschen, die mich weiterbringen. Wenn Sie sich mit solchen Menschen einlassen, ist das oft nicht leicht. Aber da sind wir wieder bei den Jahresringen und den Bäumen: Ohne diese geliebten Menschen wäre ich nicht, was ich bin, sie haben mich gemacht, diese Menschen, ich habe sie gesucht, damit sie mich zu dem machen, was ich nun geworden bin. Das ist mir so konkret vielleicht erst heute klar, dass ich sie bewusst gesucht habe... Halten Sie sich schön von den Kontrollierten fern, ich rate es Ihnen!

     

    Man kann Ihnen nicht vorwerfen, dass Sie bei der Suche nach leidenschaftlichen Menschen vordergründig Ihre Karriere im Blick gehabt hätten. Vor Louis Malle wurden Sie ja sogar gewarnt.

    Mein Agent sagte damals, es war 1948: "Jeanne, vor dir liegt eine leuchtende Karriere. Wenn du dich nun mit diesen jungen Leuten da einlässt, sind wir getrennte Leute. Dann musst du dir einen neuen Agenten suchen!" Ich war damals aber selbst jung. Und arbeitete mit Herrschaften wie Jean Gabin und Fernandel und und und ... Alles feine Leute. Sie behandelten mich wie eine Prinzessin. Es hätte ewig so weitergehen können. Aber ich trennte mich von meinem Agenten.

     

    Warum konkret?

    Huuu, Gott, das war alles sooo arriviert. Es gab diese sagenhafte Hackordnung, welcher Maskenbildner zu welcher Uhrzeit welchem Kameraassistenten welche Frage stellen durfte. Schauspieler liefen in den Drehpausen herum wie Bischöfe im Petersdom. Jeden Tag war das Thema, ob der eine oder die andere angesprochen werden durfte, ohne dass man sein Leben riskierte. Es war das Cinema de Papa. Ich wusste nur eins: "Ich will hier raus."

     

    Heutzutage kann man sich so schwer vorstellen, dass nicht schon bei den Dreharbeiten zu Filmen wie "Fahrstuhl zum Schafott" klar gewesen ist, dass es sich um ein Meisterwerk handeln wird. 

    Nein, das konnten wir nicht wissen. Aber ich sagte Ihnen eben, dass ich oft meine Bedenken abgestellt habe, wenn mir meine Intuition etwas gesagt hat. Und die Arbeiten mit Louis Malle oder Truffaut waren nur auf der einen Seite ein Wagnis. Auf der anderen waren sie ja eine große Befreiung. Plötzlich liefen wir in Paris einfach mit der Kamera über die Straße, ich legte mein Make-up selber auf ... es war wirklich phantastisch.

     

    An Ihren Namen wurden schon früh sehr große Erwartungen geknüpft.

    Natürlich.

     

    Finden Sie es manchmal anstrengend, einen derart großen Namen zu tragen?

    Nein, nein, ich mag das.

     

    Weckt Ihr Name nicht, sagen wir, ständig übermenschliche Erwartungen?

    Ach, wissen Sie: Schauspieler, die sich über Ruhm oder Druck beklagen, die sind wirklich absolut furchtbar. Wir haben Grund zur Dankbarkeit. Punkt.

     

    Es gibt heute wieder eine Sehnsucht nach einer derart starken Welle, wie es damals die Nouvelle Vague war ...

    ... und ich habe kein Verständnis dafür.

     

    Warum nicht?

    Weil es sentimental ist. Und weil es so phantastische Regisseure gibt heute: Almodãvar, Van Sant, Ozon. Alle paar Jahre heißt es, das Kino sei tot. Das ist bullshit, verstehen Sie? Wenn Sie mal so alt sind wie ich, haben Sie diesen Aufschrei sicher schon 20 mal in der Zeitung gelesen: "Das Kino stirbt! Das Kino stirbt!" Das ist so langweilig, entsetzlich. In Wahrheit ist das Kino heute lebendiger, vielfältiger, engagierter, als es je war. Wir hatten noch nie so viele herausragende junge Regisseure. Nein, nein, es gibt niemals einen Grund, der Vergangenheit nachzutrauern.

     

    Vielleicht ist das auch die Sehnsucht nach einem stilistisch puren Stil, nach der Klarheit der Nouvelle Vague ...

    ... aber die Welt ist nicht mehr pur. In der Zeit, als wir diese Filme gemacht haben, hatten wir es leichter. Wie alt sind Sie?

     

    39.

    Schauen Sie: Sogar Sie - oder Menschen, die erst 30 sind - haben in den letzten 15 Jahren miterleben müssen, was für Veränderungen wir ausgesetzt sind: politisch, wirtschaftlich, die Kommunikation. Die Filme heute bilden das ab. Sie sind schneller. Die Literatur ist es auch.

     

    Lesen Sie viel?

    Natürlich. Aber wo wir vom Tempo sprechen: Ich zappe inzwischen auch beim Lesen. Ich lese Balzac oder Proust - und zappe dabei. Ist das toll? Ich ertappe mich dabei, wie ich ungeduldig werde beim Wiederlesen dieser geliebten Werke. Und blättere verschämt ein paar Seiten vor. Die modernen Schriftsteller, Leute wie Houellebecq, sie schreiben so, dass man nicht mehr vorblättern muss. Sie sind selbst Kinder des Zappings.

     

    Mögen Sie Houellebecq?

    Ich verehre ihn sogar, diesen Herrn . . .

     

    Ist er Zyniker oder Moralist?

    Oh, vielleicht beides? Die Leute machen ihm hier in Frankreich üble Vorwürfe. Das Wort Vision ist viel strapaziert worden. Aber Houellebecq: Er hat eine.

     

    Eine dunkle.

    Ist das keine? Dann hat er eben eine dunkle. Die Menschen mit den dunklen Visionen sind oft nicht die schlechtesten. Man sollte keine Angst vor ihnen haben.

     

    Ich bleibe dabei: Sie wirken furchtlos.

    Ich sagte Ihnen schon: Das Leben hat es so weit gebracht mit mir. Nicht einmal das Älterwerden hat mir übrigens länger als zwei Stunden Furcht eingejagt.

     

    Exakt zwei Stunden? Wann war das?

    1967 in Italien. Ich drehte mit Tony Richardson "Sailor from Gibraltar" (dt.: "Nur eine Frau an Bord", die Red.) nach Marguerite Duras. Ich hatte einen drehfreien Tag. Also lag ich in diesem winzigen Hotel an der Küste, nahe Pompeji, auf meinem Bett. Um ehrlich zu sein: Ich langweilte mich wie verrückt! Ich ließ mir also einen Espresso kommen. Der Hoteljunge, der ihn dann brachte, war sehr charmant, bildhübsch, ich erinnere mich gerade sehr konkret an ihn ... nun, auch egal. Jedenfalls: Als er weg ist, liege ich auf dem Bett und schaue in den Handspiegel, zupfe hier ein bisschen rum und dort - plötzlich sehe ich da diese sonderbaren Fältchen an meinem Hals.

     

    Eine Katastrophe!

    Natürlich! Holy Shit!! Aber ich lag zwei Stunden auf dem Bett und schon war das Missvergnügen vorüber. Ich dachte: "Jeanne, du wirst bald 40 Jahre alt sein. Alles ist wunderbar. Mach dir nichts vor." Ich ging zu den Dreharbeiten und schaute Vanessa Redgrave zu. Sie war sensationell. Ich glaube, sie wollte damals eine Beziehung mit mir. Diese wunderbare Frau. Aber was soll man machen ... ich liebe nun mal die Männer.

     

    Meine Zeit mit Ihnen ist mehr als um. Nun haben wir doch eher über das Leben statt über den Tod gesprochen, oder?

    Ja - wie schön! Und, wissen Sie, am Ende unseres Gesprächs möchte ich sagen: Es geht im Leben nicht um den Tod oder das Leiden. Sondern alleine um die Moral.

     

    Um welche denn?

    Nur um die eigene natürlich! Am Ende geht es nicht um Trauer oder Glück. Sondern um richtig oder falsch. Am Ende stehen wir alleine da vor unserem Gewissen. Auf der Leiter, die Jakob in der Bibel im Traum sieht, bin ich deshalb immer nur nach oben gegangen: Es gab Niederlagen, einige sogar. Aber ich habe - in guten wie in schlechten Zeiten - immer meiner eigenen Moral standgehalten. Das Leid vergeht. Das Gewissen? Bleibt.

     

    Sind Sie Optimistin, Madame Moreau?

    Nein, nein, ich bin sehr sicher keine Optimistin. Und auch keine Pessimistin.

     

    Sondern?

    Je suis lucide! Verstehen Sie? Ich sehe klar, mein Lieber ... ich sehe sehr klar!

     

    https://www.sueddeutsche.de/kultur/im-gespraech-jeanne-moreau-ich-habe-mich-leidenschaftlich-ins-leben-gestuerzt-1.429474

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