HANNAH ARENDT über Arbeit und Konsum

January 7, 2018

Auschnitt aus der Sendung "Zur Person" mit Günter Gaus (28.10.1964)

https://www.youtube.com/watch?v=sWi5RkAtlr8 

 

 

GAUSS: In einem ihrer wichtigsten Werke , Vita Activa oder Vom tätigen Leben' - nach meinem Eindruck eines ihrer wichtigsten Werke - kommen Sie zu dem Schluss, Frau Arendt, daß die Neuzeit den Gemeinsinn, also den Sinn für die Erstrangigkeit des Politischen entthront hat und bezeichnen die modernen Gesellschaftlichen Phänomene die Entwurzelung und Verlassenheit des Massenmenschen und den Triumph eines Menschentyps, der im blossen Arbeits- und Konsumvorgang sein Genügen findet. Ich habe  dazu 2 Fragen: Zunächst wieweit ist eine philosophische Erkenntnis solchen Grades auf persönliche Erfahrungen angewiesen, um einen Denkvorgang in Gang zu bringen? 

ARENDT: Ich glaube nicht, daß es irgendeinen Denkvorgang gibt, der ohne persönliche Erfahrung ist. Dh. alles Denken ist Nachdenken, der Sache nach denken. Ich lebe in der modernen Welt und selbstverständlich habe ich in der modernen Welt meine Erfahrung. Im übrigen ist das auch von anderen festgestellt worden. Sehen Sie, die Sache mit dem Arbeiten und Konsumieren, die in meiner Darstellung ja nur zwei Seiten desselben Phänomens sind dh. dieses Kreislaufs, in dem das Leben schwingt , alle Lebendige schwingt. Das ist deswegen wieder so wichtig und wie mir scheint auch unheilvoll, weil wieder darin eine Weltlosigkeit sich kund tut. Es liegt einem nichts mehr daran, wie die Welt aussieht. 

GAUSS: Die Welt immer noch verstanden als Raum, in dem Politik entsteht. 

ARENDT: Ja, nein, nun noch viel größer gefasst. Als Raum, in dem Dinge öffentlich werden, als Raum in dem man wohnt, und der anständig aussehen muss. Im dem natürlich auch Kunst erscheint, in dem alles mögliche erscheint.Sie besinnen sich .. Kennedy hat versucht, den Raum ganz entscheidend auszuweiten, in dem er die Dichter und sonstigen Taugenichtse ins Weisse Haus geladen hat. Also das alles könnte noch in diesen Raum gehören. Im Arbeiten und Konsumieren ist er Mensch wirklich völlig auf sich selbst zurückgeworfen. aufs Biologische und auf sich selbst. Und da haben Sie den Zusammenhang mit der Verlassenheit, Im Arbeitsprozess entsteht eine eigentümliche Verlassenheit, ich kann hier nicht näher darauf eingehen, das würde zu weit führen. Und diese Verlassenheit ist das auf sich selbst Zurückgeworfen sein, in dem dann -nun das Konsumieren gewissermassen anstelle aller eigentlich relevanten Tätigkeiten tritt..

GAUSS: ... des öffentlichen Handelns..

ARENDT: Ja.

 

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