HANNAH ARENDT Interview mit Günter Gaus

January 6, 2018

Legendär! 

HANNAH ARENDT über Gleichschaltung Ab ca 00:30min (..)  

GAUS: Sie meinen, der Schock lag 1933 darin, daß die Vorgänge vom allgemein politischen ins persönliche gewendet wurden?

ARENDT: Nein, nicht einmal. Oder: das auch. Erstens wurde das allgemein Politische ein persönliches Schicksal, sofern man herausging. Zweitens wissen Sie ja, was Gleichschaltung ist, Und das hieß, daß die Freunde sich gleichschalteten! 

Das Problem, das persönliche Problem war doch nicht etwa was unsere Feinde taten, sondern was unsere Freunde taten. Was damals unter der Welle der Gleichschaltung,die ja zu der Zeit noch ziemlich freiwillig war, jedenfalls nicht unter dem Druck des Terrors, vorging: Vorallendingen in dem plötzlichen Verlassen werden, das war, als ob sich ein leerer Raum um einen bildete. Ich lebte in einem intellektuellen Milieu, ich kannte aber auch andere Menschen. Und ich konnte feststellen, daß unter den Intellektuellen die Gleichschaltung sozusagen die Regel war. Aber unter den anderen nicht. Und das habe ich nie vergessen. Ich ging aus Deutschland, beherrscht von der Vorstellung - natürlich immer etwas übertreibend-: Nie Wieder! Ich rühre nie wieder irgendeine intellektuelle Geschichte an..Ich will mit dieser Gesellschaft nichts zu tun haben. Ich war natürlich nicht der Meinung, daß deutsche Juden und deutschjüdische Intellektuelle, wenn sie in einer anderen Situation gewesen wären, als in der sie waren, sich wesentlich anders verhalten hätten. Der Meinung war ich nicht. Ich war der Meinung, das hängt mit diesem Beruf, mit der Intellektualität zusammen. Ich spreche von der Vergangenheit. Ich weiß heute mehr darüber. GAUS: Ich wollte Sie gerade fragen: glauben Sie das noch?

ARENDT: Nicht mehr so in der Schärfe.  Aber daß es im Wesen dieser ganzen Sachen liegt, daß man sich sozusagen zu jeder Sache etwas einfallen lassen kann, das sehe ich immer noch so. Sehen Sie, daß jemand sich gleichschaltete, weil er für Frau und Kind zu sorgen hatte, das hat nie ein Mensch übel genommen. Das schlimme war dann doch, daß die dann wirklich daran glaubten! Für kurze Zeit, manche für ganz kurze Zeit. Und das heißt doch: Zu Hitler fiel Ihnen was ein; und zum Teil ungeheuer interessante Dinge! Ganz phantastische, interessante und komplizierte und hoch über dem gewöhnlichen Niveau schwebende Dinge! Das habe ich als grotesk empfunden. Sie gingen ihren eigenen Einfällen in die Falle, würde ich heute sagen. Das ist das, was passierte. Das habe ich damals nicht so gesehen. 

 

 

 

Share on Facebook
Share on Twitter
Please reload

Aktuelle Einträge

May 20, 2019

January 2, 2019

Please reload

Archiv
Please reload

Schlagwörter
Please reload